Was passiert eigentlich, wenn man einer KI nicht mehr erklärt, wie sie etwas machen soll, sondern nur noch, was man erreichen möchte?
Ein persönlicher Selbstversuch mit OpenAI Work – und warum ich glaube, dass wir gerade einen gewaltigen Schritt in der Digitalisierung erleben.
Das Thema KI ist allgegenwärtig. Und so manche Diskussion darüber erinnert mich stark an die Diskussionen, die wir schon bei der Digitalisierung geführt haben. Die einen sehen vor allem die Chancen, andere die Risiken und manche fragen sich, ob wir das überhaupt brauchen.
Natürlich bin auch ich nicht unkritisch. Vor einiger Zeit hatte ich bereits darüber geschrieben, welche Regeln und Grenzen wichtig sind, wenn KI-Agenten selbstständig Aufgaben übernehmen. Damals war das noch etwas für eine ziemlich mutige und vielleicht auch etwas nerdige Zielgruppe.
Das ist noch gar nicht so lange her.
Und trotzdem hat sich inzwischen etwas grundlegend verändert.
Von der Frage zum Auftrag
Mit OpenAI Work gibt es inzwischen eine Möglichkeit, die sich zunächst gar nicht so spektakulär anhört. Anstatt im klassischen Chat Fragen zu stellen, kann ich nun einen Auftrag erteilen.
Ich beschreibe ein Ziel und das System überlegt selbstständig, welche Schritte notwendig sind, recherchiert, bedient Anwendungen und führt die Aufgaben aus.
Schon bei meinen ersten Versuchen fiel mir auf, dass das System deutlich weiter „denkt“, als ich es bisher gewohnt war. Viele der Schleifen, die man sonst in einem Chat dreht, werden bereits bei der ersten Anfrage erledigt.
Aber wie mächtig das tatsächlich ist, habe ich erst bei einem eigenen Projekt erlebt.
Und das war, zumindest für mich, fast schon ein bisschen beängstigend.
Ein Musikblog als Experiment
Ich schreibe seit rund 20 Jahren einen Blog über eines meiner Hobbys. Da ich aber noch weitere Interessen habe, wollte ich schon lange einen zweiten Blog aufbauen. Diesmal über Musik, interessante Alben und meine Begeisterung für HiFi.
Mit WordPress kenne ich mich ganz gut aus. Allerdings ist das System inzwischen so umfangreich, dass vermutlich die wenigsten Anwender wirklich alle Möglichkeiten kennen. Ich jedenfalls nicht.
Also habe ich beschlossen, das gesamte Projekt mit OpenAI Work umzusetzen.
Nicht nur die Texte. Sondern alles.
Den Namen entwickeln, das Logo gestalten, das Design festlegen, die Struktur aufbauen, Funktionen überlegen, Google und andere Suchsysteme berücksichtigen, die Verbindung zu Instagram vorbereiten und vieles mehr.
Das wäre schon eine umfangreiche Aufgabe gewesen.
Aber das eigentlich Erstaunliche kam erst danach.
Die KI hat das alles nicht nur vorgeschlagen. Sie hat es tatsächlich umgesetzt.
Ich habe ihr dafür Zugang zu meiner WordPress-Installation gegeben. Anschließend hat sie die Webseite dort aufgebaut.
Ich selbst war dafür kein einziges Mal in WordPress.
Keine Menüs geöffnet, keine Plugins eingerichtet, keine Seiten gestaltet und keine Funktionen programmiert.
Ich habe lediglich beschrieben, was ich haben möchte.
Und nach ungefähr einem halben Tag stand eine funktionsfähige Webseite.
Natürlich war sie noch nicht fertig. Wer mich kennt, weiß, dass mir anschließend noch ziemlich viele Dinge eingefallen sind. Inzwischen gibt es beispielsweise einen Merkzettel, eine Top-10-Liste, verschiedene Darstellungen der Inhalte, Verlinkungen zu Künstlern und Musikplattformen und zahlreiche weitere Funktionen.
Auch diese wurden nachträglich von der KI eingebaut. Ich musste weder wissen, welche Plugins dafür erforderlich sind, noch wie man diese Funktionen programmiert.
Und damit komme ich zur ersten wirklich wichtigen Erkenntnis:
Ich habe mich die ganze Zeit damit beschäftigt, was ich erreichen möchte. Nicht damit, wie ich es technisch umsetzen muss.
Und die KI wurde dabei immer besser
Natürlich hat nicht immer alles perfekt funktioniert. Ein- oder zweimal kam es vor, dass eine Änderung etwas beeinflusst hat, das vorher bereits funktioniert hatte. Aber das waren tatsächlich Ausnahmen.
Viel bemerkenswerter fand ich etwas anderes.
Die KI wurde im Laufe des Projekts immer treffsicherer.
Je länger wir zusammengearbeitet haben, desto besser verstand sie, wie ich mir die Webseite vorstelle, welche gestalterischen Grundsätze mir wichtig sind und welche Ergebnisse ich erwarte.
Die sonst üblichen Schleifen mit Vorschlägen, Korrekturen und neuen Vorschlägen wurden immer seltener. Irgendwann passte vieles bereits beim ersten Versuch.
Das fühlte sich tatsächlich ein bisschen so an, als würde man mit jemandem zusammenarbeiten, der einen mit der Zeit immer besser kennt.
Dazu habe ich ein laufendes Protokoll führen lassen, in dem alle Grundsätze, Funktionen, Einstellungen und Änderungen dokumentiert werden. Das dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die KI immer besser auf die bisherigen Entscheidungen aufbauen konnte.
Auch Sicherheitsprüfungen, Geschwindigkeitstests, SEO-Analysen und Plausibilitätschecks habe ich durchführen lassen. Teilweise mit externen Werkzeugen, deren Ergebnisse die KI selbst ausgewertet und anschließend zur Optimierung genutzt hat.
Inzwischen gehören bestimmte Prüfungen standardmäßig zu jeder neuen Veröffentlichung.
Ob beispielsweise alle Maßnahmen zur Auffindbarkeit bei Google und in KI-Suchsystemen tatsächlich funktionieren, wird sich noch zeigen.
Aber das Entscheidende ist: Ich musste auch diese Prüfungen nicht selbst technisch durchführen.
Was bedeutet das für unsere bisherige Softwarewelt?
Und damit komme ich zu dem Punkt, der mich an diesem Experiment am meisten beschäftigt.
Wir haben uns über Jahrzehnte daran gewöhnt, dass wir lernen müssen, wie eine Anwendung funktioniert.
Wer eine Webseite erstellen wollte, musste WordPress lernen. Wer Tabellen auswerten wollte, musste Excel beherrschen. Und wer bestimmte Funktionen benötigte, musste wissen, wo sie zu finden sind und wie man sie einrichtet.
Aber was passiert, wenn wir das künftig gar nicht mehr müssen?
Wenn ich nicht mehr wissen muss, wie eine Anwendung bedient wird, sondern nur noch, welches Ergebnis ich erreichen möchte?
Dann verändert sich möglicherweise nicht nur die Bedienung von Software, sondern das gesamte Geschäftsmodell dahinter.
Softwarehersteller könnten eigene KI-Systeme vor ihre Anwendungen schalten oder Schnittstellen für externe Agenten bereitstellen. Der Anwender beschreibt sein Ziel, die KI übernimmt die Einrichtung und zeigt das Ergebnis. Gefällt es nicht, wird es durch eine weitere Anweisung verändert.
Und ich frage mich, welche Konsequenzen das beispielsweise für Supportabteilungen hat. Wie viele Anfragen entstehen heute nur deshalb, weil Anwender nicht wissen, wie sie eine bestimmte Funktion bedienen müssen?
Möglicherweise lassen sich damit erhebliche Kosten einsparen, die wiederum einen Teil der Entwicklung solcher Systeme finanzieren könnten.
Und warum sollte das bei Software aufhören?
Warum sollte ich künftig einem Haushaltsroboter über komplizierte Einstellungen erklären müssen, wie er meine Wohnung reinigen soll? Warum kann ich ihm nicht einfach sagen, was ich möchte, und das System findet selbst heraus, wie es seine vorhandenen Fähigkeiten dafür einsetzen kann?
Natürlich muss die Technik dafür geeignet sein.
Aber der Gedanke ist derselbe.
Wir bewegen uns möglicherweise in eine Welt, in der wir Technologie nicht mehr bedienen, sondern ihr unsere Ziele erklären.
Und das ist etwas völlig anderes als eine Sprachsteuerung, die lediglich einen Knopfdruck ersetzt.
Es gibt allerdings auch eine dunkle Seite
Ich gebe zu, dass ich durchaus nervös war, als ich einer KI den Zugang zu meiner WordPress-Installation gegeben habe.
Und das, obwohl es sich lediglich um einen privaten Musikblog handelt.
Denn damit bekommt die KI nicht nur die Möglichkeit, Vorschläge zu machen. Sie kann tatsächlich Veränderungen in einem fremden System vornehmen.
Ich hätte ihr noch viel mehr ermöglichen können. Beispielsweise Zugriff auf mein Google-Konto oder weitere Marketingkanäle, um auch dort Aufgaben vollständig selbstständig zu erledigen.
Das habe ich bisher bewusst nicht getan.
Bei solchen Überlegungen muss ich übrigens immer wieder an Marc-Uwe Klings Roman „VIEWS“ denken, der sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen moderner Technologie beschäftigt.
Denn je mehr Systeme miteinander verbunden werden und je selbstständiger KI darin handelt, desto wichtiger wird die Frage, welche Rechte wir ihr geben, welche Entscheidungen sie treffen darf und wo der Mensch eingreifen muss.
Bei einem privaten Blog ist das noch relativ überschaubar.
Aber wie sieht das in einem Unternehmen aus, wenn eine KI Zugriff auf Kundendaten, Buchungssysteme oder Zahlungsprozesse bekommt?
Dazu kommt ein weiteres Problem.
Ein erfahrener Webentwickler weiß, welche rechtlichen und technischen Anforderungen eine Webseite erfüllen muss. Datenschutz, Impressum, Barrierefreiheit, Sicherheit und vieles mehr.
Ein Laie weiß das möglicherweise nicht.
Und nur weil eine KI eine funktionierende Webseite erstellen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass alle rechtlichen Anforderungen erfüllt sind.
Die Verantwortung verschwindet also nicht. Sie verlagert sich.
Bedrohung oder Chance?
Ich habe auf mein Projekt bereits Reaktionen von Menschen bekommen, die beruflich Webseiten entwickeln.
Einige waren ausgesprochen konstruktiv und interessiert. Andere reagierten eher vorwurfsvoll.
Das hat mich durchaus überrascht.
Denn natürlich kann man diese Entwicklung als Bedrohung für das eigene Geschäftsmodell betrachten.
Aber wäre es nicht viel interessanter, zu überlegen, wie man diese Möglichkeiten selbst nutzen kann?
Ein erfahrener Entwickler, der solche Systeme einsetzt, könnte erheblich schneller arbeiten und gleichzeitig seine Erfahrung dort einbringen, wo die KI und Laie an ihre Grenzen stoßen.
Mich erinnert das jedenfalls stark an frühere Phasen der Digitalisierung.
Auch damals wurde häufig zunächst darüber gesprochen, welche bestehenden Geschäftsmodelle bedroht sind. Dabei war die viel interessantere Frage doch immer, welche neuen Möglichkeiten entstehen.
Und der Zugang zu diesen Möglichkeiten ist inzwischen so niedrigschwellig wie kaum zuvor.
Man muss im Grunde nur noch in der Lage sein, verständlich zu formulieren, was man erreichen möchte.
Ob das Ergebnis dann auch gut ist, bleibt natürlich eine andere Frage.
Und was bedeutet das für die Touristik?
Für unsere Branche halte ich diese Entwicklung für besonders interessant.
Wir diskutieren seit einiger Zeit darüber, wie KI die Reiseplanung und Buchung verändern könnte.
Aber möglicherweise denken wir dabei noch zu sehr in den bisherigen Anwendungen.
Was passiert, wenn ein Kunde nicht mehr verschiedene Webseiten besuchen und deren Funktionen verstehen muss, sondern einfach beschreibt, welche Reise er unter welchen Bedingungen machen möchte?
Oder wenn Mitarbeiter eines Reiseunternehmens nicht mehr unterschiedliche Backoffice-Systeme bedienen müssen, sondern nur noch den gewünschten Vorgang beschreiben?
Dann stellt sich auch die Frage, welche Rolle die bisherigen Benutzeroberflächen, Plattformen und Vertriebssysteme künftig noch spielen.
Und vor allem: Wer kontrolliert dann eigentlich die Kundenschnittstelle?
Der Anbieter der Reiseleistung? Die Plattform? Der Softwarehersteller? Oder der Anbieter des KI-Agenten?
Natürlich sind wir bei solchen Szenarien noch nicht überall so weit. Gerade bei Buchungen, Zahlungen und rechtlich verbindlichen Vorgängen müssen Zuverlässigkeit und Sicherheit deutlich höheren Anforderungen genügen als bei meinem Musikblog.
Aber das Prinzip lässt sich bereits erkennen.
Der Blick in den Nebel
Vor kurzem habe ich auf dem Big Bang KI Festival einen Vortrag des Telekom-Chefs gesehen.
Dabei zeigte er ein Bild von Caspar David Friedrich, auf dem ein Mensch auf eine neblige Landschaft blickt („Der Nebel“).
Ich fand diese Metapher ausgesprochen passend.
Man kann oben stehen bleiben und den Ausblick genießen, sich die Landschaft ansehen und darüber nachdenken, was einen dort unten erwartet.
Vielleicht ist der Weg gefährlich. Vielleicht verirrt man sich. Vielleicht stellt man unterwegs fest, dass man die falsche Richtung eingeschlagen hat.
Alles durchaus berechtigte Überlegungen.
Aber während man noch darüber nachdenkt, sind andere möglicherweise längst losgelaufen.
Und einige von ihnen werden den Weg finden.
Das bedeutet nicht, dass man blindlings in den Nebel laufen sollte. Gerade bei KI gibt es gute Gründe, vorsichtig zu sein.
Aber wer nur stehen bleibt, wird auch nicht herausfinden, welche Möglichkeiten sich dahinter verbergen.
Ich kann heute noch nicht abschätzen, wie stark KI unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und unseren Umgang mit Technologie verändern wird.
Aber nach meinem kleinen Experiment bin ich von einer Sache noch überzeugter als zuvor:
Wir erleben gerade nicht nur eine weitere Verbesserung bestehender Software. Wir erleben möglicherweise eine grundlegende Veränderung darin, wie Menschen künftig mit Technologie umgehen.
Und ich glaube, dass wir erst ganz am Anfang stehen.

