Michis Thema der Woche

2016 – Mein kleiner Jahresrückblick

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Im März dieses Jahres habe ich einen Beitrag über unsere Haltung zur Digitalisierung geschrieben und nun, fast 9 Monate später, stelle ich fest, dass das Ergebnis noch ernüchternder ist als ich dachte.

Dieses Jahr war wirklich stark von politischen Themen für die Touristikbranche und den VIR geprägt. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft wir bei verschiedenen Bundesministerien oder politischen Veranstaltungen waren, Politiker getroffen haben, Stellungnahmen eingereicht und und und … meist bildeten Regulierungen den Anlass, bei denen man vom „worst case scenario“ ausging und entsprechend Klarheit schaffen wollte.

Die Digitalisierung steht dabei erstaunlicherweise immer unter dem Verdacht, etwas Böses im Sinne zu haben? Dabei funktionieren die Geschäftsmodelle digitaler Unternehmen nur dann wirtschaftlich, wenn sie dem Kunden einen großen Nutzen liefern – und zwar dauerhaft. Es kann durchaus sein, das mein Blick ein wenig getrübt ist, weil ich vermutlich etwas empfindlicher reagiere auf Punkte, die die Digitalisierung betreffen.

Die Basis, auf denen viele dieser Diskussionen geführt werden, ist häufig nicht statistisch belegt. Oft reicht eine emotional geführte Debatte mit vielen offenen Fragen, die dann zum Appell an die Politik führt – quasi erst einmal regeln und dann klären. Eigentlich würde ich mir wünschen, wir würden über Förderung der Digitalisierung reden, um endlich an Geschwindigkeit aufzunehmen und nicht den Anschluss zu verlieren. Ist dies nicht auch der Kern der digitalen Agenda der Bundesregierung?

Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Treiber der Digitalisierung aus den USA kommen, weil sie nämlich genau anders herum denken als wir hier in Deutschland oder eben in Europa. Wir galten in Deutschland einmal als das Land der guten und mutigen Ingenieure, aber irgendwie scheinen wir das nur noch im analogen Bereich hinzubekommen (oder eventuell auch das nicht mehr, wie der Diesel-Skandal oder der Neubau des Berliner Flughafens zeigen).

Unser Grundproblem ist immer noch die Haltung!

Es wird erst jede noch so kleinste Möglichkeit ausdiskutiert und eigentlich will keiner Risiken eingehen. Das ist natürlich bequem und medial wirksam wird auf jene eingedroschen, die wirklich etwas tun und sich den Aufgaben und Herausforderungen stellen. Sie werden irgendwie unter Generalverdacht gestellt. Dies ist seltsam, denn eigentlich braucht es doch genau solche Menschen und Unternehmen, um dran zu bleiben und etwas vorwärts zu bringen. Neue Technologien waren den Menschen anfangs immer erst einmal suspekt, egal ob es der Buchdruck, das Auto, das Radio oder der Computer waren. Dennoch hat jede dieser Entwicklungen die Welt deutlich verändert und es war eben nicht das Ende.

Auch wird beim Kunden offensichtlich immer mehr von einem sehr unmündigen Menschen ausgegangen und Waren oder Services digital zu verkaufen scheint oft ein Verbrechen zu sein. Meine Realität sieht anders aus: Kunden, die auf eine Webseite gehen, haben entweder einen Informations- oder Kaufbedarf. Um dies bestmöglich zu lösen sucht man nach Technologien, die dem Kunden die beste Option liefern. Diese Technologien werden aber erst einmal in eine düstere Ecke gestellt, gar wurde in einer Veranstaltung gefordert, dass man Algorithmen bitte einer staatlichen Stelle zu melden hat! Auch das Prinzip Angebot und Nachfrage wird gerade in Frage gestellt, allerdings nur im digitalen Bereich. Viele der Forderungen, die aktuell gestellt werden, würde man eben im normalen Ladengeschäft nicht fordern. Weshalb scheint der digitale Bereich andere Regeln bekommen zu müssen? Warum sollte ein seriöser Händler seinen Kunden etwas Schlechtes wollen? Ich frage mich, wie man überhaupt immer auf diesen Generalverdacht im Digitalbereich kommt?

Wir führen meist Angstdebatten und keine Respektdebatten. Der Unterschied ist, dass Angst ein schlechter Berater ist. Etwas aber mit Respekt zu behandeln ist ein deutlich besserer Ansatz, um mit einer Sache umzugehen und sie richtig einschätzen zu können. Mein Eindruck ist, dass wir im Augenblick mit angezogener Handbremse im digitalen Zeitalter fahren, während andere freie Fahrt haben.

Dabei ist Digitalisierung doch das neue Buzzword!

Ja, alle sprechen nun von Digitalisierung, weil es zum guten Ton gehört, aber verstehen auch alle, was es bedeutet? Auf vielen Veranstaltungen höre ich Sätze wie „wir müssen nun digitalisieren“ und ich bin ganz erstaunt, weil man den Eindruck hat, dass wir hier über einen ganz neuen Trend sprechen. Nein, vor über 25 Jahren ging das los! Und die Möglichkeiten sind in dieser Zeit exorbitant angestiegen, einhergehend mit einem unglaublichen Anstieg an Geschwindigkeit.
Auch muss man das WIRKLICH wollen und nicht auf der einen Seite über die Digitalisierung sprechen, aber im Hintergrund nach Regulierung schreien für ein angebliches fehlendes Level Playing Field! Was oft übersetzt heißt, dass man bitte warten soll, bis der Rest endlich Zeit hatte, sich mit Neuerungen auseinander zu setzen. Dumm ist nur, dass der weltweite Wettbewerb nicht wartet!

Die Digitalisierung wird auch nichts, wenn man dabei keine Neugier auf die Chancen hat und dabei auch nicht einmal sein bestehendes Geschäftsmodell ernsthaft in Frage stellt. Vor kurzem sagte ein Politiker, dass Start-Ups die neuen Kinder sind, neben die man sich heutzutage gerne für ein Foto stellt. Man wird aber leider nicht schlauer, weil man neben einem Mutigen steht, sondern nur, indem man ihm ernsthaft zuhört und hoffentlich von seinem Brennen für seine Idee etwas mitnimmt. Lippenbekenntnisse reichen einfach nicht mehr aus, sondern ernsthaft an das Thema herangehen ist gefragt. Auch Neugier und Mut spielen eine große Rolle, um dran zu bleiben, nicht vom Hörensagen, sondern vom selbst ausprobiert, selbst bewerten und manchmal auch selbst scheitern.

Alle stehen vor Herausforderungen und zwar immer schneller!

Herausforderungen müssen alle meistern und nicht nur jene, die glauben, dass sie ihr Geschäftsmodell jetzt in den digital Bereich transformieren müssen. Die Herausforderung für alle wird sein, ob der nächste Technologiesprung nicht den Nutzen, den man bisher als USP hatte, komplett überflüssig macht. Künstliche Intelligenz könnte zum Beispiel dazu führen, dass eine Maschine viele dieser heutigen USPs einfach ersetzt und damit die Basis des heute gut funktionierenden Geschäftsmodells komplett überflüssig macht. Frank Thelen, bekannt aus der TV-Reihe „Höhle der Löwen“, hat vor kurzem ein interessantes Interview mit seiner Einschätzung zur Digitalisierung in Deutschland gegeben. Diese ist sehr düster, aber im Grundsatz kann man seine Punkte gut verstehen. Er spricht davon, dass er immer Panik beziehungsweise Angst hat, zu langsam zu sein oder wichtige Entwicklungen zu übersehen, die das Geschäftsmodell komplett verändern könnten – dieser Gedanke fehlt vielfach bei uns.

Kein blindes Vertrauen!

Mein Punkt ist nicht, dass wir allem blind folgen und kritiklos alles hinnehmen sollten. Aber die Perspektive, in allem Neuen das Schlechteste zu sehen oder es schlecht zu reden, ist eben auch kein guter Ausgangspunkt. Ich würde mir manche Debatten mit einem ausgewogenen Fachkreis wünschen und dies bitte frühzeitig, um Entwicklungen richtig einzuschätzen und gegebenenfalls Leitplanken gemeinsam mit der Industrie zu setzen. Der Prozess heute ist allerdings, dass man schon beim geringsten Zweifel – oft befeuert von den Stehenbleibenden – nach Regulierung schreit. Häufig folgt dann sogar eine, und zwar ohne große Not. Wie das läuft, kann man bei der Pauschalreiserichtlinie sehen. Dort wurden so ziemlich alle möglichen Szenarien eingebaut, damit man ja jeden Fall der Fälle berücksichtigt. Kundenbeschwerden waren hier übrigens nicht der Ausgangspunkt, sondern ein angebliches Ungleichgewicht der Anforderungen zwischen online und alteingesessenen Anbietern. Die Regelungen konnten gar nicht groß genug sein, bis man feststellte das der analoge Bereich (und eigentlich alle) nun ganz erhebliche Probleme damit haben, das Gesetz zu erfüllen. Zudem gibt es noch offene Fragen, auf die noch nicht einmal die EU eine Antwort hat, obwohl sie das Gesetz ja entwickelt hat.

Ich habe bei meinen Gesprächen natürlich auch gute Beispiele gefunden wie Herrn Staatssekretär Billen, der sehr pragmatisch an Themen herangeht und trotzdem seine eigene Meinung hat und vertritt. Auch im Tourismusausschuss des BMWi, geführt von Frau Gleicke, erlebe ich eine gut ausbalancierte Haltung.

Dennoch müssen wir insgesamt mit mehr Augenmaß an die Sachen herangehen. Es wäre auch wünschenswert, wenn mehr Menschen in ihrer Sichtweise die Chancen und nicht nur die Gefahren im Blick hätten. Fortschritt ist immer auch ein Experiment und dafür braucht es auch welche, die das Risiko noch eingehen wollen – und ich hoffe, sie sitzen hier in Deutschland. Zudem gilt es die unter Generalverdacht stehenden aktiv und eben unvoreingenommen mit in die Prozesse einzubinden, statt sie wie bisher vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Auch die Aufgaben des VIR haben sich über die Jahre verändert und wir haben deshalb dieses Jahr beschlossen, unsere Struktur komplett neu aufzusetzen. Das Thema Digitalisierung und ob sie in Deutschland/Europa gut genug gelingt, betrifft nicht nur die OTA’s in der Touristik. Betroffen werden aber alle sein vom Leistungsträger, GDS, Veranstalter über den Zahlungsanbieter bis hin zum Vertrieb. Das ist auch der Grund, warum wir in Zukunft die Themen breiter angehen werden und dazu ist eine neue Struktur nötig. Aufklärung – und ich meine damit keine Lobbyarbeit! – wird immer wichtiger, und zwar in allen Bereichen, denn die Themen werden immer komplexer und die Auswirkungen von Entscheidungen über Regulierungen haben oft übergreifenden Auswirkungen. Wir versuchen dabei, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, denn zum Schluss geht es um die Interessen der gesamten Touristik, mit all ihren Facetten.

Mein Dankeschön an dieser Stelle gilt den VIR-Mitgliedern, die den Umstrukturierungsprozess mitgetragen haben und eben die diesen Verband auch ausmachen. Ein herzlicher Dank auch an die Mitarbeiter des VIR, die mit Leidenschaft für diese Branche brennen und eine Leistung weit über das Normale hinaus erbringen.

2017 wird sicherlich spannend und es stehen viele Veränderungen vor der Tür. Ich kann mich nur wiederholen wenn ich sage, dass man mit Mut, Neugier und einem gesunden Menschenverstand die Zukunft gelassen angehen und sie eben auch mitgestalten kann.

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