Michis Thema der Woche

Stelle Dir vor es gibt eine Party und du bist nicht eingeladen

Michael Buller Shanghai China

VIR-Vorstand Michael Buller mit einem chinesischen Unternehmensvertreter während der VIR-Delegationsreise nach Shanghai

Im letzten Jahr gab es so viele Beiträge über China, dass wir beschlossen haben, uns das einmal als VIR und mit den Vertretern einiger Mitglieder selbst vor Ort anzusehen. Ja, die meisten gehen ins Silicone Valley (und lassen sich einen hippen Bart wachsen), aber ich war vor 11 Jahren schon einmal in China und das hat damals mein Weltbild über „richtig“ und „falsch“ verändert.

Wir gehen gerne mit dem Blick aus unserer Welt an die Sache heran. Ja, wir Europäer und insbesondere wir Deutschen sind so herrlich organisiert. Nur keine Fehler machen und Perfektion ist unser zweiter Vorname, und das denken nicht nur wir von uns, sondern die Welt durchaus auch. Was wir machen funktioniert. Naja, bis auf Airports, Konzertsäle oder Bahnhöfe (so zumindest in letzter Zeit). Und unsere doch so perfekte Autoindustrie hat ebenfalls ein Image-Problem, denn das mit den Abgaswerten hat sich als weitreichender herausgestellt, als bisher angenommen. Selbst vor vier Wochen hat Audi noch Fahrzeuge ausgeliefert inkl. einer nicht erlaubten Software. Dies lässt mich ehrlich gesagt ernsthaft an unserer Vorzeige-Industrie zweifeln.

Wer nach China reist, dem kommt oft „Made in China“ in den Sinn: günstig, aber auch von minderer Qualität. So zumindest damals. Wie wird so ein Land also mit der Digitalisierung umgehen? Um es kurz zu fassen: Erschreckend gut!

Ja ich war zwei Mal da und bin weit davon entfernt ein China-Spezialist zu sein, aber ich muss feststellen: Wir Europäer sind zu langsam, viel zu langsam. Eine Ursache ist sicherlich, dass wer Neuland betritt Fehler machen muss, denn ohne die gäbe es keinen Fortschritt. Da kommt uns unsere Perfektion leider dazwischen und irgendwie passt sie nicht mehr in die digitale Welt (und offensichtlich in die analoge Welt auch nicht). Wie will man Geschwindigkeit erreichen, wenn man jede noch so kleine Schwierigkeit im Vorfeld schon kalkulieren und lösen möchte?

Wie gesagt, ich bin kein China-Spezialist, aber die Zielstrebigkeit dieses Landes und seiner Einwohner ist beeindruckend. Als ich vor elf Jahren in Shanghai eine Führung mitmachte, erklärte unser Guide, dass die vielen kleinen Häuser, die wir dort sahen, alle abgerissen werden, um Hochhäuser zu bauen. Er erklärte uns auch, dass diese neuen Häuser viel besser seien, denn es gäbe dort fließend Wasser und auch insgesamt würde man auf der gleichen Fläche mehr Menschen unterbringen. Aus unserer (Wohlstands-)Sicht damals ein Gräul, ein Häuschen gegen eine Einheitswohnung einzutauschen. Elf Jahre später gibt es nur noch wenige dieser kleinen Häuser. Aber die Stadt ist von 16 auf 24 Millionen Menschen gewachsen und das größte Problem – eben Menschen unterzubringen  – ist gelöst.

Konzentration auf das Lösen der wesentlichen Probleme

Die VIR-Delegation vor der dem beeindruckenden Büro von C-Trip

Ein weiteres Beispiel war der Besuch bei C-Trip in ihrem Shanghaier Campus, der dort 15.000 Menschen unterbringt (von insgesamt 50.000 C-Trip Mitarbeitern). Die Architektur des Gebäudes war von außen ziemlich beeindruckend! Wir haben dort auch einen Rundgang bekommen und als wir uns später darüber unterhielten, kamen wir zum einhelligen Meinung, dass das Finish im Inneren besser hätte sein können.

Aus chinesischer Sicht allerdings haben sie aber ihr größtes Problem gelöst! Nämlich 15.000 Menschen, die arbeiten, um das Unternehmen voran zu treiben, unterzubringen. Eigentlich erklärt das hier den wesentlichen Unterschied zwischen deren Speed und unserem. Vermutlich würden wir uns heute noch mit dem Architekt streiten und die Abnahme wäre noch nicht erfolgt. Die Chinesen haben ihr Ziel erreicht und das wesentliche Problem gelöst. Wir Europäer verspielen unsere Chancen mit Luxusdebatten und Luxusregulierungen, die oft sogar noch am Kundenwunsch vorbei gehen.

Nehmen wir die neue Datenschutz-Grundverordnung. Ja, Datenschutz ist großartig, aber als ich meinen Bekannten gebeten hatte, sich in Facebook kurz einzuloggen und er all die Fragen zur Einstellung einfach übersprungen hat, wird einem klar, dass die Menschen, die wir schützen wollen, ihren Beitrag dazu überhaupt nicht leisten oder es ihnen schlichtweg egal ist.

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde – so auch in China. Dort allerdings sind die Daten auf Personenebene möglich und auch der Staat fördert Anwendungen im KI-Bereich durch das zur Verfügung stellen von Daten und Gelder, denn China will darin die führende Nation werden. Keine Sorge: Chinesen sind sich der Sensibilität ihrer Daten durchaus bewusst und so geben sie nicht wie bei uns weit verbreitet ihre Profile mit realen Namen an, sondern erfinden welche. Und auch ihr Profilbild ist kein reales Foto!

„Wenn die Kunden dir vertrauen kannst du neben Essen genauso gut Reisen verkaufen“

ITB China Meituan

Die Gruppe auf dem Messestand des Food Delivers und Reiseportals Meituan

Auf der ITB China trafen wir das Unternehmen Meituan, das als Food Deliver Service angefangen hat und heute 650 Millionen Kunden hat. Mittlerweile haben sie Produkte wie Bikeshare oder Reisen im Portfolio. Nach meiner Vorstellung ist das schwierig, denn man möge sich vorstellen, Lieferando würde plötzlich Reisen verkaufen. Als ich das Unternehmen fragte, wie das zusammen passt, lautete die Antwort „Trust“. Wenn du Trust hast, kannst du alles verkaufen und auch die Kunden eines Food Deliver Service für den Kauf von Reisen gewinnen.

Der Markt in China ist groß und so auch sein Wettbewerb. Diese Möglichkeit in Verbindung mit dem Druck macht die Unternehmen auf der einen Seite schnell. Zudem brauchen sie keine Regulierung, um sich ordentlich zu verhalten, denn das regelt der Markt (Wettbewerb übernehmen sie). Das gilt aber auch für die jungen Menschen dort, denn 1,4 Milliarden Chinesen sind eine Menge und alle sind auf der Suche nach einem guten Leben. Dafür muss man sich deutlich strecken, denn wenn du es nicht machst, dann eben ein Anderer. Life-Work-Balance ist schön, aber in China hätte man dafür kein Verständnis. Auch darf nicht vergessen werden: Diese junge Generation wird vermutlich keine große Erbschaft erhalten, mit der es sich ganz gut leben lässt (wir sind die Generation „Erbschaft“). Dadurch ist also alles was sich verändert ein willkommener Fortschritt. Diskutieren wir über Fortschritt? Nein, wir diskutieren ihn zu Tode, bleiben am Fleck stehen und werden schlussendlich überholt (Beispiel Digitalisierung!).

Aktive Förderung statt Überregulierung

Der Shanghai-Tower: das zweithöchste Gebäude der Welt und Symbol für Chinas Geschwindigkeit

Ja, China hat uns überholt und man wird etwas demütig, wenn man dort war. Zum ersten Mal war mir so klar wie noch nie, wie wichtig ein einheitliches Europa eigentlich wäre. Die traurige Erkenntnis aus dem Besuch ist auch:  Wenn wir so weiter machen, bleibt uns nur die Frage, ob wir ein chinesisches WeChat oder ein amerikanisches Whatsapp einsetzen. Eine europäische Alternative gibt es nicht.

Die Überregulierung, die gerade betrieben wird, sollte dringend beendet werden und durch aktive Förderung ersetzt werden. Die Regulierungen haben doch gezeigt, das sie nicht dazu führen, dass bestimmte Unternehmen sich nun besser verhalten. Das würde meiner Meinung nach nur ein funktionierender Wettbewerb wirklich bewerkstelligen. Noch schlimmer ist, dass Unternehmen des Mittelstands mehr und mehr aussteigen oder hier gar nicht erst gegründet werden, weil die Anzahl an Regulierungen nicht mehr gestemmt werden kann. Ich habe von vielen Reisebüros gehört, dass sie nun ihre Webseiten abschalten, weil sie die Strafen bei Fehlern bezüglich der Datenschutz-Grundverordnung und Pauschalreise-Richtlinie fürchten. Wollen wir das wirklich? Die Großen werden noch größer (weil nur sie sich die vielen Mitarbeiter, die zur Umsetzung benötigt werden, leisten können) und die Kleinen steigen aus???

Gleiche Regeln für alle

Eines möchte ich in diesem Zusammenhang auch noch sagen: Wenn wir schon Regeln haben, warum wenden wir sie nicht konsequent an? Auch bei den „Großen“? Beispiele sind die Automobil-Industrie oder die gerade gefallene Entscheidung des Bundeskartellamt i.S. Lufthansa. Dieses stellt fest, dass die Lufthansa ihre Marktmacht ausgenutzt hat und die Preise im Vergleich zum Vorjahr zwischen 25-30% erhöht hat. Weiter wurde festgestellt, dass die Preise beim Markteintritt der easyJet wieder auf ein normales Niveau sanken (mehr Nachweis gibts doch wohl nicht!). Jetzt würde man annehmen, dass die Lufthansa eine ordentliche Strafe oder zumindest eine Rüge bekommt, um zu lernen, dass man sich eben nicht alles erlauben kann. Das Bundeskartellamt allerdings entscheidet sich, dass 25% einfach nicht hoch genug sind und auch der Zeitraum sehr kurz war und macht gar nichts! Ehrlich gesagt verliere ich da wirklich den Glauben, dass hier mit gleichem Maß gemessen wird und Regeln für alle gleichermaßen gelten. Und wenn dem so ist, dann bitte schaffen wir die Regeln doch einfach ab und lassen den Markt das selber regulieren. Ich persönlich hätte nämlich eine Aufforderung an den Markt, wie man mit so einem Unternehmen umgeht, aber aus Kartellgründen darf ich das eben nicht (wieso eigentlich?).

Ich glaube wir sind gewaltig auf dem Holzweg. Sei es unser Perfektionswille (by the way: Chinesen können Perfektion auch, denn immerhin bauen sie dort Iphones und weitere Hightech Geräte) oder unser Regulierungswahn (gerade aus der EU). Das Beispiel oben zeigt, dass letzteres eben zu keinem Playing Level Field führt und uns dazu auch noch abhält, mit der Welt in Wettbewerb zu treten. Es ist auch naiv zu glauben, dass wir Regeln für den Rest der Welt machen könnten. Erst recht, wenn man bedenkt, dass 1/4 der EU-Länder es innerhalb von 2 Jahren nicht geschafft hat, die Datenschutz-Grundverordnung in nationale Gesetzte umzuwandeln. Wie soll das dann mit der Welt funktionieren? (von Herrn Trump ganz zu schweigen).  Man muss auch nicht alles verstehen und aktzeptieren was in China passiert, aber schlussendlich ist das der Wettbwerb, mit dem wir umgehen müssen (und da spielt unsere Meinung vermutlich keine Rolle).

Alle sprechen von der Digitalisierung. Aber wir sind derzeit viel zu langsam und auch  haben wir keine Fehlertoleranz, und beides wäre doch so wichtig, um mit der Welt einigermaßen mitzuhalten. Versteht mich nicht falsch, aber bei all den Luxusproblemen, die wir ständig diskutieren, verlieren wir die Welt um uns herum aus den Augen, und die ist gerade dabei uns zu überholen!

Text: Michael BullerVerband Internet Reisevertrieb e.V.

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