Michis Thema der Woche

Tourismus over?

VIR-Vorstand Michael Buller

Das neue Wort des Tourismusjahres 2017 ist nicht – wie man es vielleicht erwarten würde – Terrorismus, sondern „Overtourismus“. Aus Städten wie Palma, Barcelona oder Venedig hört man schon länger Stimmen gegen den Tourismus und es gab sogar schon Bilder von Wänden, auf denen „Tourist Go Home“ stand.

Hierfür gibt es nicht nur eine Ursache, sondern es ist das Zusammentreffen vieler Faktoren in einem Jahr. Zum einen war bzw. ist aufgrund der Türkeikrise eine der wichtigsten Destinationen für unsere Industrie in Schwierigkeiten und die Auswahl an Alternativen nicht gerade groß. Also ballten sich die Urlauber in diesem Jahr besonders dicht auf wenigen Destinationen.

Aber auch mehr Kreuzfahrten führen (gefühlt) zu einem Problem. Gefühlt deswegen, weil der Anteil an Kreuzfahrt-Touristen insgesamt immer noch gering ist. Wenn jedoch ein ankommendes Schiff seine Passagiere auf einmal in einer Destination entlässt, dann ist dies eine große Anzahl an Menschen, die nicht zu übersehen ist.

Zudem steigt der Individualtourismus rasant an, was das Verlassen der Touristenhochburgen zur Folge hat, in denen man sich bisher zum größten Teil aufgehalten hat. Plötzlich sind Menschen in allen Teilen einer Stadt zugegen, und das länger als sonst – denn sie übernachten mittlerweile auch dort. Das ist für die neuen Vermieter eine Freude, weil sie damit neue Einkünfte erzielen, aber für so manchen Nachbarn durchaus ein Ärgernis.

Die asiatischen Märkte werden das Thema in naher Zukunft sicherlich noch verschärfen, denn auch dort kommt der (Individual)Tourismus in Schwung. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in dem Asien eine Marktrelevanz erhalten hat – wichtig ist es daher, diesen Markt frühzeitig zu verstehen.

Fotolia Flugzeug

Durch den Wegfall der Air Berlin wird sich der Flugbereich 2018 schwieriger gestalten.

Wie diverse Wahlen und Volksabstimmungen zeigen, nimmt die Tendenz zur Abschottung in Europa derzeit deutlich zu. Die Toleranzschwellen scheinen gerade überall ein wenig niedriger zu sein als sonst. Für mich eine gute Zeit, wieder neu über das Thema Reisen und auch mutig über neue Geschäftsbereiche nachzudenken und jene zu erschließen, die über das übliche Touristikerdenken hinausgehen. Immerhin ist die Touristik eine der besten Logistikbranchen der Welt!

Schon jetzt ist absehbar, dass sich im neuen Jahr 2018 vieles in der Touristik verändern wird. Durch den Wegfall der Air Berlin gestaltet sich der Flugbereich schwieriger. Verfügbarkeit und Preise könnten zum großen Thema werden und Verbraucher sind schon jetzt gut beraten, möglichst früh zu buchen. Auch wird mit Spannung zu verfolgen sein, ob es die Türkei schafft, sich ihre Marktdominanz bei den Pauschalreisen zurück zu erobern.

Klar ist auch, dass der Individualtourismus die Geschäftsmodelle weiter verändern wird, und auch das Thema Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Vielerorts wird es als Schreckgespenst gesehen, das Arbeitsplätze kosten und die Menschen noch kontrollierbarer machen wird. Dabei stellen Technologien wie Chatbots & Co. eine große Chance dar: Endlich wird es möglich sein, bestimmte Service-Leistungen drastisch zu verbessern. Für die Tourismusbranche eröffnet Künstliche Intelligenz die einzigartige Möglichkeit, Informationen zu vereinheitlichen und zielgenaue Angebote zu schaffen. Eine Gelegenheit, die es zu nutzen gilt!

Fotolia Backpacker

Der Individualtourismus wird eine der Veränderungen sein. ©Dudarev-Mikhail, Fotolia

Spannend wird auch die Frage sein, ob die Branche die neue Datenschutzgrundverordnung als Chance versteht und wie sich die neue Pauschalreiserichtlinie auf den Gesamtvertrieb auswirkt. Meine persönliche Hauptfrage ist jedoch: Werden wir wieder ein Jahr erleben, in dem der Großteil der Branche die Augen verschließt (getreu dem Motto: „Es wird schon nichts passieren“), oder sich gar eine Renaissance schön redet? Oder nimmt sie endlich das Ruder in die Hand und nutzt ihre Chance für eine erfolgreiche Zukunft? Bisher überlässt sie das nur einem kleinen Teil, der mutig genug ist, etwas auszuprobieren – und sich erstaunlicherweise dafür auch immer noch rechtfertigen muss. Das wäre wichtig, damit es zum Schluss nicht heißt: Tourismus Over!

Somit wird es ein spannendes Touristikjahr 2018 – und womöglich wird es ja auch das Jahr der mutigen und wegweisenden Entscheidungen dieser Industrie!

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