Michael Buller – Als 25 Buchungen fast nicht zu schaffen waren
Die Holiday Autos Story
– Eine Geschichte von Michael Buller (VIR Vorstand) –
Ich war nicht immer der Vorstand des VIR, und ich war auch nicht immer in der Touristik.
Meine persönliche Geschichte beginnt 1990, denn eigentlich wollte ich Steuerberater werden. Ein kaputter Laptop führte jedoch dazu, dass ich in die Touristik kam – und zwar zu einem Car-Rental-Broker namens Holiday Autos. Der damalige Geschäftsführer, Ralph Löffler, reparierte meinen Rechner und ich reparierte seine Steuerprüfung.
Nachdem das erfolgreich geglückt war und ich nebenbei acht Monate dort gearbeitet und viele weitere Aufgaben übernommen hatte, entschloss ich mich, erst einmal in dem Unternehmen zu bleiben und später zurückzugehen, um meinen Steuerberater fertig zu machen. Dazu kam es jedoch nicht, weil sich die Touristik als eine der span-nendsten Branchen der Welt für mich offenbarte – mit unzähligen Möglichkeiten.
Technologie war dabei ein enormer Treiber. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir unseren ersten Server selbst bauten (die Software dazu schrieb übrigens Ralph Löffler selbst). Der Rechner war für damalige Verhältnisse gigantisch und hatte eine 300-MB-Festplatte – so groß, wie heute komplette Rechner sind.
Die 25 MHz waren damals das absolute Top-Level im Turbo-Modus, den man allerdings nicht lange gedrückt halten konnte, weil der Rechner sonst überhitzte.
Unser Auftrag war es, Car-Rental-Produkte für Reisebüros buchbar zu machen. Denn damals bekamen Kunden einen Voucher, der eigentlich einen Nettobetrag auswies – und was vor Ort noch einmal zu bezahlen war (oft identisch mit dem, was bereits im Reisebüro gezahlt wurde), war nicht wirklich transparent. Wir waren die Ersten mit All-Inclusive-Produkten und zahlten darauf auch volle Provisionen – was ebenfalls unüblich war.
Unser Modell war dabei folgendes: Autovermieter mussten Fahrzeuge für eine komplette Saison kaufen, doch die eigentliche Ferienzeit dauerte nur drei Monate. Unsere Idee war es, die Zwischenzeiten zu unschlagbaren Preisen zu vermitteln.
25 Buchungen am Tag – und wir waren am Limit
Unser Prozess bestand damals darin, eine Bestellung auf Papier aufzunehmen, diese anschließend bei verschiedenen Partnern telefonisch anzufragen und bei Bestätigung in ein System einzugeben. Daraus wurde eine dreilagige Bestätigung samt Rechnung erstellt und über einen Nadeldrucker ausgegeben.
Anschließend wurde die Buchung mit der Papierbestellung verglichen (sofern möglich, denn die Handschrift war nicht immer gut lesbar). Wenn sie unsere Qualitätskontrolle passierte, wurden die drei Durchschläge getrennt:
• Einer kam ins Kuvert, wurde frankiert und verschickt
• Einer wurde mit der Papierbestellung getackert und im Tagesordner abgelegt
• Einer ging in die Buchhaltung, die den Vorgang manuell verbuchte
Bei 25 Buchungen am Tag waren wir am Ende wirklich platt.
Über die Jahre haben wir unsere Prozesse Stück für Stück durch Software und Computerentwicklung automatisiert. Die Buchungsauf-nahme erfolgte im Callcenter direkt im System, die Buchungen wurden per Fax an die Anbieter verschickt, ebenso die Bestätigungen an die Reisebüros.
Die Buchhaltung wurde automatisiert angebunden, ebenso der Geldeinzug und der Zahlungsausgleich mit den Suppliern. So war es schließlich möglich, über 3.000 Buchungen am Tag abzuwickeln.
Später erfolgte der Anschluss an die GDS-Systeme und in unserer englischen Muttergesellschaft wollte zunächst niemand glauben, dass darüber Buchungen möglich sind. Am Tag des Livegangs standen wir alle vor dem Terminal und sahen die ersten Abfragen – dann kam die erste Buchung über das GDS.
Leider mussten wir diese Buchung fünf Minuten später wieder stornieren, weil die Bedingungen des Autovermieters nicht passten.
Das Internet – ein Meilenstein
Das Internet war ein weiterer Meilenstein und wir konnten unsere Erfahrungen mit den GDS hier nutzen. Natürlich wurde nicht mehr kryptisch gebucht wie im GDS, sondern alles war für Verbraucher verständlich strukturiert.
Um eine solche Anwendung zu bauen, brauchten wir jemanden, der Webseiten entwickeln konnte – so lernten wir die Firma e-Confirm in Berlin kennen. Unser erstes Treffen fand unter ungewöhnlichen Umständen statt, denn wir erwarteten eine klassische Agentur mit großem Büro. Stattdessen stellte sich heraus, dass es sich um ein Reisebüro handelte, das gemeinsam mit einem sehr guten Program-mierer – Herrn Posthoff – eine äußerst erfolgreiche Website aufgebaut hatte.
Der zweite Partner, Herr Borch, überzeugte uns im Gespräch davon, unsere Webseite mit ihnen zu entwickeln. Heute sind wir gute Freunde, und was uns verbindet, ist die Neugier auf all die Entwicklungen.
Die Webseite wurde enorm erfolgreich und neben 3000-Frame-Lösungen waren wir die Ersten, die XML-Schnittstellen anbieten konnten. Das machte uns bei den damaligen Portalen einzigartig und wir wurden schließlich bei allen Portalen zum „Hoflieferanten“ für Car-Rental.
Meine Rolle bei Holiday Autos
Ich wurde zunächst Prokurist und später Geschäftsführer von Holiday Autos (und später auch Teilhaber), nachdem Ralph Löffler ausgestiegen war. Wichtig ist mir dabei: Das war immer eine Teamleistung der „Holidayaner“. Keiner war wichtig – alle waren wichtig.
Es ging immer ums Machen, Ausprobieren, Mutigsein und darum, neugierig zu bleiben. Sich selbst immer wieder zu hinterfragen, war kein Angriff auf Personen, sondern ein gemeinsames Weiterentwickeln.
Rückblickend bin ich enorm stolz auf das Team und auf das, was wir gemeinsam umgesetzt haben. Viele aus dem Team sitzen heute in wichtigen Positionen oder sind enge Freunde.
Lastminute.com – die nächste Evolution
Im März 2003 wurde Holiday Autos von Lastminute.com übernommen. Da wir sehr profitabel waren und den deutschen Markt gut verstan-den, waren wir zwar die Übernommenen – gleichzeitig wurde ich Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft von Lastminute.com.
Man muss sich die damalige Zeit vor Augen führen: Um das Jahr 2000 hatten gerade einmal ein Drittel der Deutschen überhaupt Zugang zum Internet und selbst das war extrem langsam. Auf dieser Basis ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen, war ein echtes Abenteuer.
Die GDS-Systeme halfen zwar, weil viele Produkte dort maschinenles-bar verfügbar waren, aber das war nur ein Teil der Realität. Überall gab es Lücken: nicht digital verfügbare Produkte, keine einheitlichen Daten und keine durchgängigen Prozesse.
Besonders deutlich wurde das im Flugbereich. Dort gab es drei völlig unterschiedliche Welten:
• Charterpreise, die zwar über Schnittstellen abrufbar waren, aber manuell auf Verfügbarkeit geprüft werden mussten
• Low-Cost-Anbieter, die mit „Werbepreisen“ arbeiteten, bei denen der Endpreis oft erst im zweiten Schritt feststand
• Linienflüge, die als einzige echte Endpreise lieferten und direkt verfügbar waren
Diese drei Systeme in einer einzigen Kundenausgabe zusammenzuführen bedeutete: Alle Preise mussten als echte Endpreise dargestellt werden und gleichzeitig musste die Verfügbarkeit geprüft sein. Das hatte eine Konsequenz: Für eine einzige Kundenanfrage waren im Hintergrund etwa 6–7 Systemabfragen notwendig. Das haben wir damals gebaut – als eines der ersten Portale überhaupt.
Im Hotelbereich war die Situation noch komplexer. Wir konnten auf die Datenbank von Lastminute.com zugreifen – was an sich schon ein kleines Wunder war. Hotels bedeuteten damals: individuelle Verträge mit jedem einzelnen Haus. Verfügbarkeit funktionierte über sogenannte Allotments, also fest vereinbarte Kontingente. Das hieß konkret: Es gab eine „Freigabe“ bis zu einem bestimmten Zeitpunkt vor Anreise.
Danach mussten Buchungen oft telefonisch nachgefragt werden. Der Aufwand dahinter war enorm und für ein kleines Unternehmen kaum zu stemmen, insbesondere in Kombination mit der Pflege dieser Datenbanken.
Gleichzeitig haben wir auf dieser Basis bereits dynamische Pakete gebaut – also die Kombination aus Flug, Hotel und weiteren Leistungen in Echtzeit. Das funktionierte erstaunlich gut, aber auch hier zeigte sich die Komplexität: Wenn ein Hotel vergessen hatte, einen Stop-Sale zu setzen, konnte es passieren, dass ein Zimmer gebucht wurde, das nicht mehr verfügbar war. Das führte sofort zu manuellen Nachprozessen und verärgerten Kunden.
In den folgenden Jahren haben wir weitere Hoteldatenbanken per Schnittstellen angebunden und zusätzliche Produkte integriert.
Wenn man sich das heute anschaut, wirkt vieles selbstverständlich: Flug, Hotel, Mietwagen und Zusatzleistungen sind online sofort buchbar. Damals war das alles andere als selbstverständlich. Allein der Betrieb einer Website war teuer und aufwendig – nicht vergleichbar mit heute.
Das sogenannte „Mitmach-Web“ existierte noch nicht. Private Blogs waren kaum realisierbar, und Geschäftsmodelle rund um Social Media oder Influencer waren undenkbar.
Die Gründung des VIR
Ab dem Jahr 2000 begannen die Geschäftsideen im Online-Tourismus regelrecht zu sprießen. Gleichzeitig entstand ein gewisser Wildwuchs, und Verbraucher waren häufig verunsichert: Ist das, was ich hier buche und bezahle, überhaupt real?
Vieles wurde spekulativ diskutiert – oft ohne belastbare Fakten. Es gab kaum Orte, an denen man sich strukturiert austauschen oder Orientierung finden konnte.
Vor diesem Hintergrund taten sich die damaligen Marktführer zusammen: Opodo, Expedia, Ebookers, Lastminute.com und Travel24. Ziel war es, innerhalb bestehender Verbände eine Plattform für den digitalen Tourismus zu etablieren.
Die Reaktionen waren ernüchternd: Online-Reisebüros waren nicht besonders beliebt. Der klassische Vertrieb hatte zwar erkannt, dass hier etwas entsteht – aber die Integration war für viele keine Option.
Die Konsequenz folgte 2004 auf der ITB: Bei einem gemeinsamen Frühstück wurde entschieden – wenn uns kein bestehender Verband aufnehmen will, gründen wir unseren eigenen.
Claudia Brözel wurde Vorstand des neu gegründeten Verbands Internet Reisevertrieb. Der Begriff „digital“ spielte damals noch keine Rolle – heute wäre er vermutlich Teil des Namens.
Mit viel Energie begann der Aufbau. Gemeinsam mit der Reiseanalyse (FUR) entstanden die ersten „Daten & Fakten“ zum digitalen Tourismusmarkt. Gleichzeitig wurde ein strukturierter Austausch etabliert – selbstverständlich unter Beachtung von Compliance-Regeln.
Der VIR entwickelte sich schnell zu einer zentralen Kompetenzplatt-form für digitale Geschäftsmodelle im Tourismus. Neben den Gründungsmitgliedern wurde eine Fördermitgliedschaft eingeführt. Zudem wurden früh Themen adressiert, die ihrer Zeit voraus waren: eine eigene Schiedsstelle, erste Ansätze zur CO₂-Kompensation im Flugbereich sowie strukturierte Branchenformate.
2009 übergab Claudia Brözel den Vorsitz. Ich wurde gefragt, ob ich den VIR als Vorstand übernehmen möchte – zu diesem Zeitpunkt war ich bereits im Beirat aktiv. Seitdem begleite ich die Entwicklung des Verbands und der Digitalisierung.
Aus anfangs fünf Mitgliedern sind heute knapp 100 geworden. Der VIR bildet heute das gesamte technologische Ökosystem der Touristik ab. Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde ich sagen:
Wir sind der „Nerd“ unter den Verbänden, weil wir Technologie nicht nur begleiten, sondern leben und verstehen. Auch politisch ist der VIR heute ein etablierter Ansprechpartner. In zahlreichen Gesetzgebungsprozessen konnten wir unsere Perspektive einbringen.
Die „Daten & Fakten“ sind inzwischen ein jährlich erscheinendes Werk. Die VIR Online Innovationstage, die wir seit 2010 (mit Corona-Unterbrechung) durchführen, sind ein zentraler Treffpunkt geworden.
Wohin die Reise geht
Die Herausforderungen für Unternehmen werden immer größer. Wir leben in einem unbeständigen und extrem beschleunigten Zeitalter. Technologien verändern sich rasant – KI-Systeme, die vor drei Jahren noch neu waren, sind heute selbstverständlich.
Zum Vergleich:
• Drei Jahre nach Einführung des HTTP-Protokolls gab es weltweit rund 860 Webseiten.
• Drei Jahre nach Einführung von ChatGPT nutzen heute 700 bis 800 Millionen Menschen die Anwendung wöchentlich.
Diese Dynamik zeigt: Es braucht Neugier, Mut und Pioniergeist, um Schritt zu halten. Der VIR und seine Mitglieder sind dafür gut gerüstet, weil sie seit jeher mit Veränderung umgehen.
Digital zu sein ist keine technische Frage, sondern eine Haltung. Es bedeutet, sich nicht am Bestehenden festzuhalten, sondern sich konsequent mit neuen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Die nächsten fünf Jahre werden die Touristik erneut grundlegend verändern. Sie werden neue Geschichten hervorbringen – von Mut, Neugier und Entwicklungen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Und wenn wir dann zurückblicken, wird uns vieles von heute genauso erscheinen, wie das, worüber wir heute schmunzeln:
„So haben wir das damals gemacht.“
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