Booking.com – Vom Fahrrad zum Weltkonzern
Der analoge „Algorithmus“ der Booking.com-Gründer
– Eine Geschichte von Alexandra Wolframm (Head of Public Affairs Central & South Eastern Europe) –
Wenn wir heute an Booking.com denken, sehen wir einen technologischen Giganten vor uns. Wir denken an komplexe Algorithmen, künstliche Intelligenz und Milliardenumsätze. Doch jede große Reise beginnt mit einem ersten Schritt – oder in diesem Fall: mit einem Tritt in die Pedale.
Die Gründungsgeschichte von Booking.com (damals noch Bookings.nl) ist eine der charmantesten Anekdoten der Tech-Welt, weil sie zeigt, wie viel Handarbeit oft hinter sogenannter „High-Tech” steckt.
Amsterdam, 1996: Eine Vision trifft auf die Realität
Wir befinden uns im Jahr 1996. Das Internet ist noch Neuland. Es quietscht und piept aus Modems und Webseiten bestehen aus grauem Hintergrund und blauen Links. In einem kleinen Büro in Amsterdam hat ein Mann namens Geert-Jan Bruinsma eine Idee, die die Reisebranche für immer verändern sollte: Er will Hotelzimmer über das Internet buchbar machen.
Die Vision war brillant, aber sie hatte einen gewaltigen Haken: Die Hotellerie steckte noch tief im analogen Zeitalter.
Während Bruinsma eine digitale Schnittstelle für Reisende programmierte, wurden Hotels noch mit Bleistift, Papier und riesigen Reservierungsbüchern geführt. Es gab keine Cloud-Software, keine APIs und kaum PCs an den Rezeptionen. Die einzige „Technologie”, auf die man sich einigen konnte, war das Faxgerät.
Die Brücke zwischen den Welten
Bruinsmas System funktionierte theoretisch so:
1. Der Kunde bucht online auf Bookings.nl.
2. Der Server generiert automatisch ein Fax.
3. Das Hotel erhält das Fax und trägt die Reservierung manuell ein.
Es war der Versuch, das digitale 21. Jahrhundert mit dem analogen 20. Jahrhundert zu verbinden. Doch wie jeder weiß, der die 90er erlebt hat: Faxgeräte sind launisch. Sie haben kein Papier mehr, die Leitungen sind besetzt oder sie werden vom Personal einfach ignoriert.
Wenn der Server streikt, muss das Fahrrad ran
Was passierte also, wenn das Fax nicht durchging? Bekam der Kunde eine Fehlermeldung? Wurde die Buchung storniert? Nein. In diesen Momenten verwandelte sich das Tech-Startup in einen Kurierdienst. Geert-Jan Bruinsma (und später seine ersten Mitarbeiter) sahen die fehlgeschlagene Übertragung auf dem Bildschirm, seufzten und drückten auf „Drucken”.
Mit dem ausgedruckten Buchungsformular in der Hand liefen sie die Treppen hinunter und sprangen auf das in Amsterdam unverzichtbare Fortbewegungsmittel: Das Fahrrad (Fiets). Man muss sich dieses Bild vor Augen halten: Der Gründer eines zukünftigen Milliarden-Unternehmens, wie er durch den niederländischen Nieselregen entlang der Grachten radelt, um sicherzustellen, dass eine einzige Buchung von 50 Gulden ihr Ziel erreicht.
Er kam im Hotel an, völlig außer Atem, und drückte dem oft verwirrten Rezeptionisten den Zettel in die Hand:
„Hier ist eine Reservierung aus dem Internet. Der Gast kommt morgen. Bitte nicht vergessen!”
Die Lektion: „Do things that don’t scale“
Diese Anekdote ist mehr als nur eine lustige Geschichte aus der Vergangenheit. Sie ist ein perfektes Beispiel für das, was Paul Graham (Y Combinator) Jahre später als wichtigstes Mantra für Startups formulieren würde: „Do things that don’t scale“ (Tu Dinge, die nicht skalierbar sind).
Booking.com wartete nicht darauf, bis alle Hotels perfekte Software hatten. Sie warteten nicht auf die perfekte Automatisierung. Sie bauten eine Brücke – und wenn diese Brücke aus einem Mann auf einem Fahrrad bestand, dann war das eben so.
Sie lösten das Problem des Kunden („Ich will ein Zimmer einfach und sicher buchen“), egal wie viel manueller Aufwand im Hintergrund (im sogenannten „Backend“) dafür nötig war. Das Fahrrad war der Proof of Concept. Es bewies den Hotels, dass Gäste tatsächlich über dieses „Internet“ kommen würden.
Fazit
Heute verarbeitet Booking.com Millionen von Reservierungen pro Tag. Die Faxgeräte sind verschwunden, die Fahrräder werden nur noch für den Weg zur Arbeit genutzt. Doch der Geist dieser Anfangstage – die Bereitschaft, jedes Hindernis zu überwinden, um die Buchung zu sichern – ist das Fundament, auf dem dieser Erfolg gebaut wurde. Wenn Sie also das nächste Mal in einem Hotel einchecken und alles reibungslos digital funktioniert, denken Sie kurz an Geert-Jan auf seinem Fahrrad im Regen von Amsterdam. Manchmal ist der wichtigste Algorithmus einfach nur menschliche Entschlossenheit.
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